Reck: "Energiesystem wird dezentraler und mittelständischer sein"

Debatte: EU-Energiepolitik nach Fukushima

Eine Technologie, deren Einsatz absolute Sicherheit voraussetzt, kann keine Zukunftsoption für die Energieversorgung sein, meint Hans-Joachim Reck, Hauptgeschäftsführer des Verbandes kommunaler Unternehmen (VKU). In einem Standpunkt auf EurActiv.de fordert Reck Investitionen in intelligente Netze und dezentrale Speicherlösungen. Gefragt sei eine ökologische Industrialisierung.

Die dramatischen Ereignisse in Japan haben die Welt bis ins Mark erschüttert. Obwohl die (ökologischen und ökonomischen) Folgen heute im Einzelnen noch nicht absehbar sind, ist eines unumstritten: Das schwere Unglück in Fukushima wird die Welt nachhaltig verändern. Eine Neubewertung der Kernenergie ist vor diesem Hintergrund zwingend notwendig. Fest steht: Wir benötigen Energie, sie ist die Grundlage unserer Wirtschaft und unseres Wohlstands. Aber woher wollen wir diese beziehen? Und vor allem: Wie wollen wir sie zukünftig erzeugen?

Fossile Energien schädigen das Klima nachhaltig

Europa muss jetzt intensiv darüber nachdenken, wie es in absehbarer Zukunft ohne Kernenergie auskommen kann. Der jetzt von EU Energiekommissar Oettinger mit den Unternehmen vereinbarte „Stresstest“ ist ein erster wichtiger Schritt, um die Sicherheit der europäischen Kernkraftwerke zu prüfen. Er darf allerdings kein Feigenblatt sein, um danach wieder einfach zur Tagesordnung zurückzukehren. Eine Technologie, deren Einsatz absolute Sicherheit voraussetzt und bei der die Frage der Endlagerung nicht gelöst ist, kann keine Zukunftsoption für eine nachhaltige europäische Energieversorgung sein. Gleichzeitig werden fossile Energien immer knapper und teurer. Aber es ist noch genug davon da, um das Klima nachhaltig zu schädigen.

Die Verantwortung für unser Weltklima – und damit für unsere Wirtschaft und das Gemeinwohl – erfordert ein deutlich engagierteres Handeln. Das gilt auch und gerade für die Energieerzeugung und den -verbrauch. Wir müssen das Energiesystem deshalb gründlich umbauen. Dabei sollten wir auf den Ausbau der erneuerbaren Energien, auf den Aufbau und Ausbau intelligenter Energienetze und auf Effizienzsteigerungen setzen.

Effizienteste Technologie: Kraft-Wärme-Kopplung (KWK)

Die tragende Säule einer sinnvollen und nachhaltigen Klima- und Energiepolitik ist der Ausbau der erneuerbaren Energien. Für 2020 strebt die Europäische Union einen Anteil von 20 Prozent am Primärenergieverbrauch an. Dieser Ausbau ist machbar, doch er kostet Geld. Umso wichtiger ist es, Investitionen verstärkt in erneuerbare Energien umzulenken. Da die technisch-wirtschaftliche Lebensdauer von Kraftwerken rund 40 Jahre beträgt, ist es wichtig, bereits heute umzudenken. Schaffen wir das nicht, wird es schwer und teurer die Erderwärmung auf 2 Grad zu begrenzen.

Wenn wir die Erneuerbaren sinnvoll einbinden wollen, müssen wir parallel den Netzausbau forcieren – insbesondere die Verteilnetze vor Ort. Nur eng vermaschte und intelligente Netze, die sogenannten Smart Grids, können schwankende Einspeisemengen von Wind- und Sonnenenergie ausgleichen. Zudem sind eine effizientere Erzeugung und ein effizienterer Umgang mit der vorhandenen Energie notwendig. Anlagen zur Kraft-Wärme-Kopplung (KWK) sind mit Wirkungsgraden von bis zu 90 Prozent die effizienteste Energieerzeugungstechnologie. Zudem sind sie sind ein hervorragender Türöffner für erneuerbare Energien, weil sie flexibel hinsichtlich der einsetzbaren Brennstoffe sind. In Deutschland haben wir mit diesen Anlagen sehr gute Erfahrungen gemacht.

Energieversorgung: dezentral und intelligent

Heute ist die Energieversorgung in Europa noch vorwiegend zentral ausgerichtet. Wenige Großkraftwerke in der Hand weniger Unternehmen bringen die Energie über die Übertragungsnetze zu den Verbrauchern. Dezentrale Erzeugungsanlagen sind bislang nur eine Ergänzung der Strukturen. Genau hier wird eine Trendwende erfolgen: Das zukünftige Energiewirtschaftssystem wird dezentraler und mittelständischer geprägt sein. Weitreichende Veränderungen zeichnen sich vor allem in den Erzeugungs- und Netzinfrastrukturen ab. Um die Potenziale an Ort und Stelle zu nutzen, werden zukünftig kleinere Erzeugungsanlagen Strom in die Verteilnetze einspeisen. Erzeugung und Verbrauch werden lokal und intelligent ausgesteuert und überregional verteilt. Unterstützt wird dieses System von zentralen Stromspeichern aber auch von dezentralen Speicherlösungen wie etwa Fernwärmenetzen und Elektrofahrzeugen. Damit dreht sich das Bild um: Künftig werden die zentralen Strukturen die dezentralen ergänzen.

Ökologische Industrialisierung: EU als Vorbild

Die EU muss die Führung für den Umbau der Energieversorgung übernehmen. Wie einst die Industrialisierung Europas zum Vorbild wurde, muss nun die ökologische Industrialisierung zum Vorbild werden. Green Tech ist Europas Zukunft. Das bedeutet nachhaltige Jobs und Wertschöpfung. Dafür benötigen wir aber einen europäischen Energiebinnenmarkt mit ausgebauten Grenzkuppelstellen, für den Übergang eine zuverlässige Rohstoffversorgung und ein verbindliches internationales Abkommen zur Senkung der CO2-Emissionen. Das kann nur die EU organisieren und leisten!

Zum Autor

Hans-Joachim Reck ist Hauptgeschäftsführer des Verbands kommunaler Unternehmen (VKU) in Deutschland. Der VKU vertritt die Interessen von mehr als 1.400 Mitgliedsunternehmen, die in den Bereichen Energie- und Wasserversorgung, Entsorgung und Umweltschutz tätig sind.
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Quelle: EurAktiv.de

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